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Reden

Eine Rede besteht aus formalen und sprachlichen Mitteln, die dazu dienen, das Publikum zu informieren, zu überzeugen und in der Regel auch emotional anzusprechen. Eine Rede beginnt immer mit der Begrüßung des Publikums und einer Einführung in das Thema. Im Hauptteil werden die wichtigsten Argumente und Inhalte dargestellt. Am Schluss werden die Kernaussagen nochmal zusammengefasst, oft verbunden mit einem abschließenden Appell an das Publikum.

Die typischen sprachlichen Mittel einer Rede sind:

  • Rhetorische Fragen: sie regen zum Nachdenken an.
  • Wiederholungen: sie betonen wichtige Aussagen.
  • Metaphern und Vergleiche: sie machen Inhalte anschaulicher.
  • Direkte Anrede: sie stellt Nähe zum Publikum her.
  • Appelle: sie fordern die Zuhörer zum Handeln auf.
  • Wir-Form: sie schafft Gemeinschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl.
  • Emotionale Sprache: sie weckt Gefühle und verstärkt die Wirkung des Gesagten.

Auf dieser Seite findest Du eine Rede von Joachim Gauck, die er anlässlich seiner Wahl zum Bundespräsidenten gehalten hat.

Schau Dir das folgende Video an und beantworte die folgende Frage: Was erfährst Du über Joachim Gauck?

 Mache Dir Notizen.

Recherchiere im Internet die folgenden Fragen bezüglich des kulturellen Kontexts der Rede. 

  • Wann wurde Gauck zum Bundespräsidenten gewählt?
  • Welche politische Stimmung herrschte damals in Deutschland, besonders in Bezug auf das Amt des Bundespräsidenten?
  • Was findest du zu Gaucks persönlicher Biografie?

Nach dieser Recherche bist Du in der Lage, den kulturellen Kontext der Rede bei Deiner Analyse miteinzubeziehen. Höre und lese nun die Rede.

Rede von Joachim Gauck zu seinem Amtsantritt im Jahr 2012
Gauck zum Amtsantritt
Redetext

Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

was für ein schöner Sonntag.

Es war der 18. März, heute vor genau 22 Jahren, und wir hatten gewählt. Wir, das waren Millionen Ostdeutsche, die nach 56-jähriger Herrschaft von Diktatoren endlich Bürger sein durften.

Zum ersten Mal in meinem Leben, im Alter von 50 Jahren, durfte ich in freier, gleicher und geheimer Wahl bestimmen, wer künftig regieren solle.

Die Menschen, die damals zur Wahl strömten, lebten noch im Nachhall der friedlichen Revolution, als wir das Volk waren, und dann die Mauern fielen.

Ich selber hatte als Sprecher des Neuen Forums in Rostock daran mitwirken dürfen. Wir waren schon frei von Unterdrückung, jetzt schickten wir uns an, Freiheit zu etwas und für etwas zu erlernen.

Nie werde ich diese Wahl vergessen, niemals. Weder die über 90 Prozent der Wahlbeteiligung, das wurde heute schon erwähnt, noch meine eigene innere Bewegung. Ich wusste, diese meine Heimatstadt und dieses graue, gedemütigte Land – wir würden jetzt Europa sein. In jenem Moment war da in mir neben der Freude ein sicheres Wissen in mir: Ich werde niemals, niemals eine Wahl versäumen.

Ich hatte einfach zu lange auf das Glück der Mitwirkung warten müssen, als dass ich die Ohnmacht der Untertanen je vergessen könnte.

„Ich wünschte mir ein Bürger zu sein, nichts weiter, aber auch nichts weniger als das“, so hatte ein deutscher Demokratielehrer, es war Dolf Sternberger, seine politische Haltung einmal definiert. Ich habe am 18. März 1990 genau denselben Wunsch gespürt, und ich habe damals gefühlsmäßig bejaht, was ich mir erst später theoretisch erarbeitet habe. Dass aus dem Glück der Befreiung die Pflicht, aber auch das Glück der Verantwortung erwachsen muss. Und dass wir Freiheit in der Tiefe erst verstehen, wenn wir eben dies bejaht und ins Leben umgesetzt haben.

Heute nun haben Sie, die Wahlfrauen und -männer, einen Präsidenten gewählt, der sich selbst nicht denken kann ohne diese Freiheit. Und der sich sein Land nicht vorstellen mag und kann, ohne die Praxis der Verantwortung.

Ich nehme diesen Auftrag an, mit der unendlichen Dankbarkeit einer Person, die nach den langen Irrwegen durch politische Wüsten des 20. Jahrhunderts endlich und unerwartet Heimat wiedergefunden hat, und der in den letzten 20 Jahren das Glück der Mitgestaltung einer demokratischen Gesellschaft erfahren durfte.

Deshalb – was für ein schöner Sonntag dieser 18. März, auch für mich. Ermutigend und beglückend ist es für mich auch zu sehen, wieviele im Land sich in der letzten Zeit eingebracht haben und auch mich ermutigt haben, diese Kandidatur anzunehmen. Es sind Menschen ganz unterschiedlicher Generationen und Professionen, Menschen, die schon lange und Menschen, die erst seit Kurzem in diesem Land leben. Das gibt mir Hoffnung auf eine Annäherung zwischen den Regierenden und der Bevölkerung, an der ich nach meinen Möglichkeiten unbedingt mitwirken werde.

Ganz sicher werde ich nicht alle Erwartungen, die an meine Person und an meine Präsidentschaft gerichtet wurden, erfüllen können, aber eins kann ich versprechen: Dass ich mit all meinen Kräften und mit meinem Herzen Ja sage, zu der Verantwortung, die sie mir heute übertragen haben.

Denn was ich als Bürger anderen Menschen als Pflicht und als Verheißung beschreibe, muss selbstverständlich auch Gültigkeit haben für mich als Bundespräsidenten. Das heißt auch, dass ich mich neu auf Themen, Probleme und Personen einlassen werde, auf eine Auseinandersetzung auch mit Fragen, die uns heute in Europa und der Welt bewegen.

Ich danke Ihnen, den Mitgliedern der Bundesversammlung, für das mir entgegengebrachte Vertrauen. Sie, die sie hier gewählt haben, sind ja nicht nur Deputierte, sondern sie sind auch, das ist mir voll bewusst, Vertreter einer lebendigen Bürgergesellschaft. Ob wir also als Wahlbevölkerung am Fundament der Demokratie mitbauen oder ob wir als Gewählte, Weg und Ziel bestimmen – es ist unser Land, in dem wir Verantwortung übernehmen, wie es auch unser Land ist, wenn wir die Verantwortung scheuen.

Bedenken sollten wir dabei: Derjenige, der gestaltet, wie derjenige, der abseits steht: Beide haben sie Kinder. Ihnen werden wir dieses Land übergeben. Es ist der Mühe wert, es unsern Kindern so anzuvertrauen, dass auch sie zu diesem Land „unser Land“ sagen können.

Für die Analyse der Rede bieten sich die folgenden Leitfragen an:

  • Inwiefern spielt das Wissen über den kulturellen Kontext und Gaucks Biographie für diese Rede eine Rolle?
  • An wen richtet sich die Rede und was ist ihre Absicht?
  • Mit welchen sprachlichen Mitteln setzt Gauck diese Absicht in seiner Rede um?

Arbeitsauftrag

  • Lies Dir die Hinweise der Webseite zur Analyse von Reden durch.
  • Lies Gaucks Rede nun erneut.
  • Wende ausgesuchte Aspekte der Webseite auf Gaucks Rede an.

Auf der Basis dieses Arbeitsauftrags verfasse im Anschluss eine schriftliche Redeanalyse.

Nachdem Du eine eigene Analyse geschrieben hast, kannst Du Dir hier eine Beispielanalyse durchlesen. Notiere drei Punkte, die Du in dieser Analyse gelungen findest.

Hier noch ein Leitfaden zur Redeanalyse, der für alle Reden von Bedeutung ist.

  • An welches Publikum richtet sich die Rede?
  • Wie bezieht der Redner das Publikum ein?
  • Aus welchem Anlass wird die Rede gehalten?
  • Was ist der politische/historische/gesellschaftliche Kontext der Rede?
  • Welche Absicht verfolgt die Rede?
  • Gibt es Variationen im Ton?
  • Welche Stimmung vermittelt die Rede?
  • Gibt es unklare Passagen in der Rede?
  • Gibt es Momente in der Rede, die eine starke Reaktion hervorrufen?
  • Inwiefern gibt es eine Verbindung von Sprache und Absicht und Kontext? 
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