Kursplanung
Die Frage der Kursplanung ist eine zentrale Frage. Es gibt nicht den einen richtigen Weg der Kursplanung, aber es gibt Prinzipien und Überlegungen, die uns bei der Kursplanung auf dem richtigen Weg halten bzw. auf den richtigen Weg bringen.
1. Textauswahl
Als erstes sollten Sie festlegen, welche literarischen Werke Sie mit den Schülern lesen möchten. Nach welchen Kriterien diese ausgewählt werden müssen, finden Sie auf der Seite Textauswahl. Ich empfehle, im ersten IB-Jahr mindestens zwei (SL) bzw. drei (HL) literarische Werke zu lesen. Diese Werke stehen den Schülern dann für das Individual Oral zur Verfügung. Der Zeitpunkt für das Individual Oral wird vom IB nicht vorgeschrieben, sondern schulintern festgelegt. Ein guter Zeitpunkt für die mündliche Prüfung ist das Ende des ersten IB-Jahres. Auf diese Weise gibt es genügend Zeit für mock orals und die Schüler haben am Ende des ersten Jahres eine wichtige Prüfung des Kurses abgeschlossen.
Die Schüler sollen und können eigenständig entscheiden, welche literarischen Werke sie für die verschiedenen Assessments benutzen, dabei darf kein Werk mehrfach verwendet werden. Gleichzeitig treffen wir als Lehrer insofern eine gewisse Vorentscheidung, in dem wir bestimmte literarische Werke bereits im ersten Jahr lesen und diese somit als Textmöglichkeit für die mündliche Prüfung zur Verfügung stellen. Die literarischen Werke, die wir im zweiten IB-Jahr lesen, sollten prinzipiell Texte sein, die sich gut für Paper 2 eignen.
Sie sind noch auf der Suche nach einem Werk, das das Kriterium des "zweiten Kontinents" erfüllt? Hier finden Sie einige Ideen von Werken, die für den Unterricht geeignet sind.
• Margaret Atwood Der Report der Magd (Nordamerika)
• Haruki Murakami Gefährliche Geliebte (Japan/Asien)
• Marjane Satrapi Persepolis (Asien)
• Gabriel Garcia Marquez Chronik eines angekündigten Todes (Südamerika)
• Han Kang Menschenwerk (Korea/Asien)
• Kurt Vonnegut Schlachthof 5 (USA)
• Arundhati Roy Der Gott der kleinen Dinge (Indien/Asien)
• Tahar Ben Jelloun Sohn ihres Vaters (Marokko / Afrika)
• Khaled Hosseini Der Drachenläufer (USA)
2. Bodies of work
Im ersten IB-Jahr müssen kürzere nicht-literarischen Textformen als " body of work" unterrichtet werden, da der nicht-literarische Text für das Individual Oral Teil eines "body of work" sein soll. Das Gleiche gilt für den HL Essay, falls dieser sich auf einen nicht-literarischen Text bezieht. Ich empfehle, dass Sie im ersten IB-Jahr mindestens drei bis vier "bodies of work" bzw. nicht-literarische Unterrichtseinheiten unterrichten.
Es ist sinnvoll, einen "body of work" rund um ein literarisches Werk zu entwickeln, wobei es nicht unsere Aufgabe als Lehrer ist, den Schülern die Verknüpfungen zwischen einem "body of work" und einem literarischen Werk fest vorzugeben. Das Erkennen von Verbindungen, welches im Rahmen des Individual Orals unter Bezug auf einen global issue gefragt ist, ist Schülerarbeit und ein individueller Schülerprozess. Dieser Prozess wird natürlich von uns eng begleitet. Wenn Sie zum Beispiel "Ruhm" von Daniel Kehlmann im Unterricht lesen, bietet sich ein "body of work" zum Thema fake news an, da das Spiel mit der Realität in beiden Fällen eine Rolle spielt. Doch auf welche Weise die Schüler Kehlmanns Text und fake news gegenüberstellen, kontrastieren oder miteinander verbinden, wird von Ihnen nicht vorgegeben. Nur auf diese Weise ist es möglich, dass alle Schüler verschiedene Texte in der mündlichen Prüfung haben, wie vom IB ausdrücklich verlangt.
Approach: Wie baue ich meinen Kurs auf?
Der englische Begriff "approach" passt hier gut, denn aufgrund der immensen Freiheit, die uns das Programm gibt, müssen Sie sich als Lehrer für eine bestimmte Herangehensweise entscheiden, um "auf Kurs" zu bleiben. Die erste Möglichkeit ist es, den Kurs nach den areas of explorations zu strukturieren, und diese der Reihe nach auf literarische und nicht-literarische Texte anzuwenden. Die zweite Möglichkeit ist es, den Kurs eher rund um die verschiedenen concepts zu organiseren. Das Problem bei beiden Herangehensweisen besteht darin, dass die concepts und areas of exploration nicht wirklich voneinander zu trennen sind. Ebenso ist eine strikte Trennung von literarischen und nicht-literarischen Unterrichtseinheiten nicht unbedingt sinnvoll, da das Individual Oral zum Beispiel gerade darauf abzielt, eine Verbindung zwischen iterarischen und nicht-literarischen Texten herzustellen.
Eine gute Herangehensweise an den Kurs wird meiner Meinung nach von Suzanne Choo in ihrem Text "Pedagogy of Interruption" erläutert. Choo gibt das Beispiel eines Lehrers, der im Rahmen eines Konzepts (in diesem Fall cross cultural identity) literarische und nicht-literarische Texte anhand konzeptueller Fragestellungen miteinander verknüpft und analysiert. Auf diese Weise werden verschiedene Texte zueinander in Bezug gesetzt, die areas of exploration werden automatisch "abgearbeitet". Bitte nehmen Sie sich die Zeit, diesen Text in Ruhe durchzulesen und darüber nachzudenken.
Suzanne Choo: Pedagogy of Interruption
Pedagogy of Interruption
From: Choo, Suzanne. “IB Diploma Programme: Research to Inform Curriculum Review--Incorporating Global Issues in Literature.” International Baccalaureate, 2016. 11.
The following approach is described by Mr K’s curriculum centred on two important themes. The first theme was cross-cultural identity and students studied a range of texts including Ang Lee’s film Eat Drink Man Woman, Jamaica Kincaid’s On Seeing England for the First Time, Kyoko Mori’s The Dream of Water, and Amy Tan’s The Bonesetter’s Daughter. Common in all these texts is the notion of cultural displacement, clashes, and mixing whether this occurs through colonization or migration. In one assignment, students answered questions such as “Examine how Lee explores the idea of cross-cultural identity through his craft” and “Compare and contrast two extracts you studied this year (Tan, Kincaid, or Mori) for how they explore the issue of cross-cultural identity.” Questions pushed students to relate these texts to their own experiences such as: “Use one of the text extracts you studied this year (Tan, Kincaid, or Mori) to talk about your own sense of cross-cultural identity”.
One approach Mr K adopted in his classes was a pedagogy of interruption. In one unit centred on Shakespeare’s Taming of the Shrew, he had students conduct scene by scene close analysis. After a number of lessons into the play and after he felt students had sufficiently discussed the development of the key issues, he interrupted this process by having students read another short story “On Discovery” by Asian American writer Maxine Hong Kingston. The story is about a male figure who chances upon a land ruled by women and then undergoes a process of feminization. After analyzing the story, Mr K asked students to apply the concept of taming a person that they learnt in Taming of the Shrew, to the story. He pushed students to think about how Kate in the Shakespearean play was similar to the male protagonist in Kingston’s story in that both are made to conform to society’s idealized image of a female object. The intent was to foster new cultural understandings so that students would become aware of how gender identity was perceived in 700 BCE China in which Kingston’s story is set as compared to 16th-century Italy in which the Shakespearean play is set. Students then became more conscious of the similarities and differences of male chauvinistic ideas and objectifications of women across different cultural and historical contexts.
In subsequent lessons, Mr K continued this approach of weaving in and out of his teaching of Taming of the Shrew by introducing other texts, especially culturally hybridized texts such as those by African American writer Toni Morrison, Caribbean American writer Jamaica Kincaid, Chinese Singaporean writer Stella Kon, and Japanese American writer Kyoko Mori. The point was to help students understand that all texts are culturally constructed and situated and to challenge them to resist what Nigerian-American writer Chimamanda Adichie (2010) terms, “the danger of the single story.” To Mr K, students should be aware that themes and issues such as the treatment of women must be investigated from multiple cultural points of view. Studying a literary text, even a canonical one, only provides one perspective and therefore needs to be interrupted by another text that offers a different cultural interpretation. In this way, students learn to negotiate differences and appreciate ambiguity in values.
Suzanne Choos Text würde für unsere Kursgestaltung bedeuten, dass wir die Unterrichtseinheiten so zusammenstellen, dass Texte ineinander greifen können. Ich möchte Ihnen hier ein Beispiel präsentieren.
Titel UE: Weibliche Identität / Darstellung von Frauen in Literatur und anderen Texten
Konzepte: Identität / Darstellung / Perspektive / Kultur
Einige Leitfragen:
- Wie werden die weiblichen Figuren eines literarischen Werkes bzw. in einem nicht-literarischen Text dargestellt?
- Welche geselschaftlichen Normen und kulturellen Vorstellungen spielen dabei eine Rolle?
- Mit welchen sprachlichen und stilistischen Mitteln vermitteln Autoren eine bestimmte Perspektive von Weiblichkeit?
- Welche Rolle spielt die Perspektive des Lesers? Kann eine feministische Leseweise ein neues Verständnis eines Textes ermöglichen?
Mögliche literarische Texte:
1) Lessing: Emilia Galotti (Drama, 18. Jahrhundert, Deutschland)
2) Kate Chopin: Das Erwachen (Roman, 19. Jahrhundert, USA)
3) Ibsen: Nora oder ein Puppenheim (Drama, 19. Jahrhundert, Norwegen)
4) Doris Lessing: Martha Quest (Roman, 20. Jahrhundert, GB)
5) Ursula Krechel: Die Taschenfrauen etc. (Gedichte, 20. Jahrhundert, Deutschland)
In jedem dieser Texte (außer den Gedichten die als Ganzes zu analysieren sind) gibt es Schlüsselszenen, die unter dem vorgegebenen Titel einen analytischen Fokus bilden können.
Mögliche nicht-literarische Texte:
1) "Für Frauen ist das kein Problem" von Max Raabe - und andere Lieder
2) Persil-Werbung 50er Jahre bis heute - es gibt viele andere passende Werbungen, z. B. die Dove-Werbung.
3) Tara Westwood, Befreit (Autobiografie, 2018, USA)
Achtung: Lieder gelten im neuen Programm als literarische Texte! Es ist kein Problem, mal einen einzelnen Liedtext im Unterricht zu besprechen, wenn er in die Unterrichtsreihe passt. Allerdings kann dieser Liedtext nicht als non-literary Text für das Individual Oral genommen werden.