"Women Without Men"
Ein Beitrag von Gudrun Singer
Auf der Suche nach Begleitmaterial in Form von Bildern oder Filmen für das Thema Die Rolle der Frau in der Literatur im interkulturellen Vergleich stieß ich auf die Fotografin und Regisseurin Shirin Neshat. Die Exil-Iranerin Shirin Neshat ist laut Medienberichten eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart. Ihr zentrales Thema ist die Lage der Frau in der muslimischen Welt. In ihrem Werk überschreitet sie Grenzen von Nationalitäten, Kulturen und künstlerischen Medien. 1957 im Iran geboren, emigrierte sie mit 17 Jahren in die USA, studierte in Berkeley und kehrte danach immer wieder in den Iran zurück. Seitdem setzt sie sich intensiv mit den kulturellen Konflikten auseinander, die aufgrund der Revolution durch das Aufeinanderprallen des konservativen Traditionalismus und des modernen Gedankenguts entstehen. Mit Veröffentlichung ihrer scharfen sprechenden Bilder, in denen sie das Schicksal der Frau, unter anderem auch im Iran abbildet (siehe Bild rechts “Seeking Martyrdom” 1995), begann ihre weltweite Anerkennung und Ehrung, zum Beispiel mit dem Silbernen Löwen von Venedig im Jahre 2010. Aufgrund ihres Exilstatus stellt sie fest: “Ich bin glücklich in dieser Form von Surrealismus und Symbolismus, weil ich die Realität nicht wiedergeben kann.“
“Women without Men” aus dem Jahre 2010 besticht durch eben diese symbolische und zum Teil surreale Darstellungsweise. Die Bilder wirken wie alte Kodachrome-Aufnahmen. Realität und Traum scheinen motivisch und darstellerisch immer wieder ineinander überzufließen, so dass die Betrachter, wie Shirin Neshat einmal sagte, „keine gewichtige politische Stellungnahme mitnehmen, sondern etwas, das sie emotional sehr stark berührt“.
Der Film ist das Spielfilmdebüt der Künstlerin und basiert auf dem gleichnamigen Roman der Schriftstellerin Sharnush Parsipur, wenngleich der Film weitaus politisierendere Akzente enthält.
Im Zentrum stehen vier Frauen, die ausnehmend kontrastiv in ihrer Erscheinung wirken. Sie entstammen drei unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. In einer Besprechung zum Film beschreibt Shirin Neshat die beiden Charaktere Fakhri und Faezeh als realistische Figuren, deren Wünsche und Dilemma sehr sprechend und ausdrucksstark dargestellt werden und die der Ober- und Mittelschicht entstammen. Zarin und Munis hingegen sind eher spirituelle Wesen. Zarin ist “nicht von dieser Welt”, und wird im Laufe des Films zur Heiligen, wenn sie auch eine Prostituierte spielt und der unteren Gesellschaftsschicht zugehörig ist. Zarin ist nicht Teil des politischen Geschehens. Es geht hier vielmehr um die Missachtung des weiblichen Seins an sich innerhalb der Gesellschaft. Munis dagegen ist eine ausgesprochen politische Figur, die aus der Mittelschicht kommt und an politische Gleichberechtigung und Aktivismus glaubt. Trotz ihres Selbstmordes wird sie zum Bindeglied zwischen den politischen Unruhen und der gesellschaftlichen Stellung der Frau in dem dargestellten Regime. Ihr freier Fall in den Tod ist für sie in seiner bildlichen Darstellung schlussendlich die einzig verbleibende Möglichkeit eines Fluges in die Freiheit.
So erfüllt jede dieser Frauen auf ihre ganz besondere Art eine metaphorische Funktion. Zum Teil wortlos in ihrer Erscheinung folgen die weiblichen Figuren damit dem einerseits realistischen und andererseits mystischen Charakter des Buches. Zurück bleibt der Betrachter mit der Empfindung, dass die dargestellten Frauengestalten, trotz ihrer in ihnen innewohnenden Stärke keine Überlebenschance in dem gesellschaftspolitischen System haben. Durch die von ihnen empfundene Sehnsucht nach Lebensglück und Selbstverwirklichung werden sie zum Opfer des durch die Männerwelt geprägten Regimes. All dies wird auf sehr eindrucksvolle und gleichzeitig durch stille einfühlsame Bilder zum Ausdruck gebracht, die zum Teil biblischen Allegorien gleichen und den Betrachter in seinen Bann ziehen, ihn mitfühlen und nachdenken lassen.
Der Film eignet sich meiner Ansicht nach in jedem Fall als body of work, zum Beispiel auch im Zusammenspiel mit der viel gelobten und mehrfach ausgezeichneten französischen Graphic Novel “Persepolis” von Marjane Satrapi (2007). Schauplatz der Handlung ist in beiden Werken Teheran. Das Schicksal der Frauen steht unter dem allumfassenden Patriarchat des iranischen Staates. Co-Regisseur des Filmes Shoja Azarin bezeichnet eben dieses Gesellschaftssystem als despotisch, welches nicht nur die Lebens- und Denkweise der Frauen beeinflusst und unterdrückt, sondern auch ihr Verständnis von Freiheit und Selbstverwirklichung. Für uns, als in westlicher Freiheit lebender Betrachter, kann es ausnehmend hilfreich sein, die Darstellungsweise des Films, seine Bilder und Symbole in ihrer metaphorischen Bedeutung vor dem Hintergrund entscheidender Leitfragen dieses Kurses zu betrachten.
Body of Work: "Women Without Men" von Shirin Neshat
Areas of Exploration - Leitfragen
Wie wird Bedeutung konstruiert, verhandelt, ausgedrückt und interpretiert? (Leser, Verfasser, Texte)
Welche Absicht verfolgt Shirin Neshat? (Leser, Verfasser, Texte)
Welche Wirkung soll erzeugt werden? (Leser, Verfasser, Texte)
Wie beeinflussen Struktur/Stil eines Textes seine Bedeutung? (Leser, Verfasser, Texte)
Welche sprachlichen und filmischen Mittel werden verwendet, um die gewünschte Wirkung zu erzeugen? (Leser, Verfasser, Texte)
Wie wichtig ist der kulturelle und historische Kontext für die Produktion und Rezeption eines Filmes? (Zeit und Raum)
Welches Vorwissen braucht der Zuschauer, um den Film zu verstehen? (Zeit und Raum)
Inwiefern können (gesprochene) Texte Einblick in eine andere Zeit bzw. Kultur bieten? (Zeit und Raum)
Inwiefern reflektieren und repräsentieren (gesprochene) Texte kulturelle Praktiken einer gesellschaftlichen Gruppe? (Zeit und Raum)
Welche Rolle spielt die Transformation bei der Produktion eines Textes? (z.B. filmische Darstellung eines literarischen Stoffes) (Intertextualität)
ToK - Leitfragen
Welche Rolle spielt die Sprache (verbal und non-verbal) in der Kunst/Literatur?
Hat Kunst/Literatur eine soziale Funktion? Eine politische Funktion? Eine Werte vermittelnde Funktion?
Kann Kunst/Literatur als Instrument gesellschaftlichen Wandels dienen?
Kann Kunst/Literatur als Mittel dienen, die Überzeugungen von Individuen und Gruppen zu beeinflussen?
Concepts - Leitfragen
Auf welche Weise und mit welchen sprachlichen Mitteln versucht Shirin Neshat ihr Publikum zu erreichen? (communication)
Mit welchen sprachlichen und filmischen Mitteln arbeiten beide Regisseure Shirin Neshat und ihr Co Editor Shoja Azari, um Realitäten durch surrealistische Bilder und geträumte Bilder/ Personen auszudrücken ? (transformation)
Mit welchen Werten und Einstellungen wird der Leser durch die künstlerische Darstellung konfrontiert? (culture)
Quellenverzeichnis:
https://www.youtube.com/watch?v=ixDnVXsr8Kw (Diskussion zu Shirin Neshat Film “Women without Men” mit Sheryl Mousley, Shirin Neshat und ihrem Co Editor Shoja Azari vom 21.04.2010)
Interne Links: Ausdruck von Identität in der Kunst sowie Persepolis (Satrapi)